Interpretation des Kapitels „Gesang von der Möglichkeit des Überlebens“ aus Peter Weiss‘ dokumentarischem Drama: „Die Ermittlung“ (Schulprojekt)

Alle Werke von Colin B., Louis E. und Arthur R.

Tagebucheintrag eines Häftlings

Jakob fehlt!
Es wird schon bald dunkel und sein Platz ist immer noch leer.

Keinem scheint seine Abwesenheit aufzufallen, oder zumindest zeigen sie es nicht.
Alle tun als sei nichts geschehen.
Nicht einmal der Aufseher hat bei seinem Rundgang etwas gesagt.
Warum hat er die Gelegenheit nicht genutzt um uns anzupöbeln?
Ob er Bescheid weiß über Jakobs Verbleib?

Vielleicht ist er ja krank geworden und man hat ihn in den Kankenbau gebracht. Mit etwas Glück kommt er dort in die Obhut von Aaron und dem netten Arzt, dann wird ihm sicher geholfen. Es heißt dieser Arzt erlaube Aaron die kranken Häftlinge wie Menschen zu behandeln. Ein mutiger Mann, leider der einzige.
Jedenfalls bleibt nur zu hoffen, dass Jakob schnell wieder zu Kräften kommt und arbeitsfähig wird. Nutzlose Menschen werden hier nicht gebraucht.

Es sei denn….
Jakob ist zwar nicht der Stärkste, aber er hat andere Talente. In der Buchhaltung macht so schnell keiner ihm was vor. Vielleicht wird sein Können gerade jetzt benötigt und er ist zum Funktionshäftling “befördert“ worden.
Ja, das wünsche ich ihm, das würde seine Überlebenschancen ungemein steigern.
Oder besser noch, vielleicht ist ihm ja die Flucht gelungen, … ist er der Hölle entkommen.
Ob er sich heimlich abgesetzt hat? Ich kann es kaum glauben, Jakob, dieser kleine, unscheinbare Mann. Wer hätte das gedacht?


Aber nein, jetzt fange ich schon an zu phantasieren. Man hätte uns, seine Mitbewohner, doch sofort dafür zur Rechenschaft gezogen. Eine Flucht ist ein schlimmes Verbrechen, dafür müssen viele zahlen.
Teuer zahlen.
Mit dem Leben zahlen.

Sowas würden sich diese Monster doch niemals entgehen lassen. Nein.
Oder hatten sie etwa noch keine Zeit dazu?
Ob uns das noch bevorsteht?
Oh Gott, ich habe solche Angst. Fürchterliche Angst.
Ich will hier weg, raus, irgendwie …

Warum gibt es keine verlässliche Strategie diesem Wahnsinn zu entkommen? Warum gibt es keinen sicheren Ausweg? Wieso um Himmels Willen hilft uns denn keiner?
Unser Leben hängt hier an einem seidenen Faden, an den Launen der Aufseher, keiner weiß wie man sich verhalten soll. Was heute gut und richtig ist kann morgen dein Todesurteil bedeuten. Der Zufall entscheidet über unser Schicksal. Alles ist unberechenbar.

Wir drehen täglich am Glücksrad, Überleben ist der Hauptgewinn, aber früher oder später wird für jeden von uns das Rad an der falschen Stelle stehen bleiben.


Hoffentlich hat Jakob sich heute nicht verdreht.