Auschwitz und das Böse

Der menschlichen Unmenschlichkeit begegnen

von Mady Weydert

Anders als das Tier, von dem er sich zumindest im Geiste unterscheiden möchte, ist der Mensch sich seiner selbst bewusst. Der Mensch weiß, was auf ihn zukommt, wie man ihm körperlich und seelisch Leid zufügen kann. Er weiß um seine eigene Verletzbarkeit, seine Sterblichkeit, und er weiß um seine Hilflosigkeit im Angesicht des Stärkeren.

Dieses Bewusstsein der eigenen Person befähigt den Menschen dazu, andere zu quälen und auszunutzen. Menschen können Menschen verletzen, erniedrigen, foltern, sie in Angst und Schrecken versetzen, hergeleitet von dem bewussten Verständnis von richtig und falsch, von Gut und Böse. Der Mensch kann andere Menschen vernichten. Jeder Mensch kann leiden lassen. Jeder einzelne Mensch. Das Unmenschliche ist allzu menschlich.

In Auschwitz wird man sich der Fähigkeit des Menschen zum Bösen bewusst. Man öffnet die Augen und erkennt, dass der Mensch die industrielle Massenvernichtung seiner eigenen Spezies ermöglicht hat, abgeleitet von der Überzeugung, besser zu sein als der andere. Die körperliche und seelische Zerstörung von Individuen ist das Resultat einer Denkart, die sich im Recht sieht, sich über die Rechte gleicher Menschen hinwegzusetzen. Man gedenkt der Geschehnisse, die sich hier vor etlichen Jahrzehnten ereignet haben, und es manifestiert sich eine Vorstellung von der Mentalität jener Zeit, in der Unvorstellbares möglich wurde. Betrachtet man anschließend die Welt, wie sie heute ist, so wird ersichtlich, dass sich dieser Geist nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Luft aufgelöst hat. Statt sich einzureden, dass so etwas nur einmal passiert ist und nie wieder passieren kann, statt sich einer falschen Sicherheit hinzugeben, muss man sich mit der Idee auseinandersetzen, dass Auschwitz das Produkt einer Ideologie ist, die vielleicht in ruhigen Zeiten schläft, aber nie tot sein wird. Peter Weiss’ Drama „Die Ermittlung“ über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse endet mit der folgenden Aussage Robert Mulkas, dem Adjudanten des Lagerkommandanten Rudolf Höß:

Heute
da unsere Nation sich wieder
zu einer führenden Stellung
emporgearbeitet hat
sollten wir uns mit anderen Dingen befassen
als mit Vorwürfen
die längst als verjährt
angesehen werden müßten

Dem muss mit Vehemenz widersprochen werden: Verjährt ist das, was sich in Auschwitz zugetragen hat, nicht. Weiss’ dokumentarisches Drama ist als Mahnung zu verstehen: Auschwitz gehört nicht nur der Geschichte an. Figuren und Weltanschauungen, die das Böse zugelassen haben, sind auch heute noch gegenwärtig. Gerade deshalb ist es wichtig, die politischen Instanzen, die gesellschaftlichen Systeme und die Mentalität der Gegenwart kritisch zu hinterfragen. Auschwitz, als Symbol dessen, wozu der Mensch fähig ist, bleibt auch 74 Jahre nach seiner Befreiung aktuell. Heute ist es ein Teil der Vergangenheit und es wird auch in Zukunft möglich bleiben.

Das Gedenken an Auschwitz, die Auseinandersetzung mit dem Symbol des Bösen, lässt den offenen Geist über seine Schwächen, seine Verletzbarkeit stolpern. So wird er sich einmal mehr seiner selbst bewusst. Aus dieser geistigen Erkenntnis schöpft er die Kraft, Eigenverantwortung zu übernehmen, nicht nur, um sich als Mensch positiv weiterzuentwickeln, sondern, um sich dem Bösen entgegenzustellen und es nicht zuzulassen. Der Vergangenheit muss gedacht werden, damit ein weiteres Auschwitz undenkbar bleibt.

Diese Seite sei dem bewussten Gedenken an die Zeiten der Unmenschlichkeit gewidmet. In der Auseinandersetzung mit dem dokumentarischen Drama „Die Ermittlung“ von Peter Weiss thematisieren junge Menschen das Böse, damit es nie wieder banal werde.